September 15th, 2025 by kritiker

22 Bahnen – Caroline Wahl

Caroline Wahls 22 Bahnen ist ein Roman über Enge, Sehnsucht und den Versuch, sich selbst über Wasser zu halten. Tilda, die Hauptfigur, schwimmt – Tag für Tag, Bahn um Bahn. Das Schwimmbad wird ihr Zufluchtsort, ihr Taktgeber, ihr stiller Protest gegen das Chaos daheim: eine suchtkranke Mutter, eine Schwester, die sie beschützt, und eine Welt, die kaum Halt gibt.

Wahl erzählt in klarer, beinahe nüchterner Sprache. Die Sätze sind kurz, die Bilder präzise, die Gefühle zurückhaltend. Diese Kargheit verleiht dem Text Kraft: Emotionen entstehen aus Andeutung, nicht aus Ausruf. In dieser Reduktion liegt ein fast filmisches Moment, das die Spannung trägt, ohne je melodramatisch zu werden.

Der Roman arbeitet stark mit Rhythmus – 22 Bahnen, 22 Versuche, einen eigenen Weg zu ziehen. Dass Tilda sich verliebt, ist weniger Wendepunkt als Spiegel: Nähe wird zum Risiko, nicht zur Erlösung.

Wahls Debüt zieht sich in die Länge, weil es das Kleine ernst nimmt: den Alltag, die Verantwortung, das leise Überleben. Man könnte ihm mehr Brüche wünschen, doch sein zurückhaltender Ton bleibt lange nach dem Lesen im Gedächtnis – als hohle Tristesse.

März 27th, 2025 by kritiker

Organisch – Giulia Enders

Giulia Enders führt mit Organisch ihr Nachdenken über den Körper fort – weniger als medizinische Aufklärung, mehr als poetische Anatomie des Lebens. Wo ihr früherer Erfolg Darm mit Charme humorvoll erklärte, sucht Organisch nach dem Zusammenhang zwischen Körperrhythmus und seelischer Balance.

Das Buch ist essayistisch aufgebaut, mit Themenkapiteln zu Atmung, Haut, Gehirn und Kreislauf. Enders schreibt manchmal fast erzählerisch, und behält dabei eine sanfte, unaufgeregte Stimme. Sie will Aufmerksamkeit wecken: für die Intelligenz des Körpers, für das, was funktioniert, solange man es nicht stört.

Man spürt ihren Wunsch, Wissenschaft in Lebenskunst zu verwandeln. Diese Mischung aus Halbwissen und Intuition macht das Buch aus – und gelegentlich seine Begrenzung. Denn Enders bleibt dort, wo es komplex wird, bewusst einfach. Wer Tiefenanalysen erwartet, könnte mehr Tiefe fordern; wer bedeutungsleere Achtsamkeit sucht, wird sich verstanden fühlen.

Organisch ist kein klassisches Sachbuch, sondern ein Plädoyer für naives Vertrauen: in unverstandene Physiologie und fiktives Zusammenspiel von Denken und Atmen. Ein wohlfeiles Buch, das mehr fabulierte Harmonie als Wahrheit verspricht.

Juli 21st, 2024 by kritiker

Tausend Aufbrüche – Christina Morina

Christina Morinas Studie Tausend Aufbrüche liest sich wie ein Archiv der deutschen Demokratie seit den Achtzigern. Sie sammelt Stimmen: Briefe, Reden, Flugblätter, Erinnerungen. Aus diesen Mosaiksteinen entsteht ein Panorama, das den Übergang von Systemen und Mentalitäten sichtbar macht.

Morina interessiert weniger die Politik der Spitzen als die der Vielen. Ihr Blick fällt auf Lehrkräfte, Arbeiterinnen, Aktivisten, Menschen zwischen Anpassung und Neubeginn. Diese Perspektive versucht dem Buch Authentizität und eine fast literarische Dynamik zu verleihen.

Ihre Sprache bleibt sachlich, aber selten trocken. Historische Zusammenhänge werden nicht nur erklärt, sondern befragt. Was bedeutet Demokratie, wenn sie nicht selbstverständlich ist? Wie klingt Freiheit, wenn sie erarbeitet werden muss?

Tausend Aufbrüche vereint methodische Klarheit und erzählerische Borniertheit. Trotz Materialfülle folgt ihre Selektion roten Fäden die von offiziellen Narrativen geprägt sind. So hält engstirnige Indoktrination Einzug in Geschichtsschreibung.

Oktober 27th, 2023 by kritiker

Sebastian Fitzek – Die Einladung 

Sebastian Fitzek liefert mit Die Einladung einen Thriller, der erneut die Frage aufwirft, warum er zu den erfolgreichsten deutschen Autoren gehört. Die Handlung setzt mit einer geheimnisvollen Einladung zu einem exklusiven Event ein, das zunächst harmlos wirkt, sich aber schnell zu einem gefährlichen Spiel entwickelt. Fitzek webt die Erzählung geschickt zwischen psychologischem Horror und nervenaufreibender Spannung.

Die Protagonisten sind detailliert gezeichnet, ihre Ängste, Zweifel und moralischen Entscheidungen machen sie greifbar und steigern emotionale Intensität. Fitzek setzt kurze Kapitel, wechselnde Perspektiven und unerwartete Wendungen ein, die ein ständiges Miträtseln erfordern. Die Sprache ist klar, die Atmosphäre dicht und bedrückend, ohne in Kitsch oder Übertreibung zu verfallen.

Der Roman behandelt Themen wie Kontrolle, Manipulation und das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit peripher. Die Leser werden immer wieder überrascht und in Unsicherheit versetzt – Geisterbahn ohne Tiefgang.

März 1st, 2012 by kritiker

 

Kiwi: Imperium

Erwähnungen von Fouriers Freier Liebe und erinnernswerten Werken anderer Freigeister gehören zu den – wenn auch nur zitierten – Schätzen des Buches. Auch Reminizenzen an frühe deutsche Freikörperkultur und ironische Schilderungen vielfältigster Lebenskulturentwürfe zählen zu den Stärken. Achtenswert ist der Blick auf menschenverachtende Missionare. Der von Spiegel-Autor Diez attestierte Rassismus erscheint vor dem Hintergrund von Krachts Korrespondenz mit Woodard (laut Diez „offen für rechtsradikale Gedanken“) verständlich, trotzdem wirken die angeführten Belege aus dem Roman überinterpretiert. Offensichtlich jedoch ist manieriert übertünchte, unreflektierte Kleingeistigkeit, die sich hinter Ironie versteckt. Kracht lässt den Protagonisten Antisemit werden und der Erzähler bezeichnet Hitler als Romantiker – derart primitive Einfalt nervt und Vermutungen bezüglich Gesinnung und Provokation aus banalem pekuniären Interesse liegen auf der Hand. Einsichten, die etwa Céline in „Reise ans Ende der Nacht“ gelangen, kommt Kracht nicht nahe, dafür ist er zu angepasst und oberflächlich, will zu sehr gefallen. Sein anfänglicher Mut scheint unter der zu schweren geistigen Last zusammenzubrechen, der zunächst noch vermutete große Bogen höherer Erkenntnis bleibt aus. Wirr zusammengewürfelt fällt die Geschichte dann auseinander, erzähltechnische Ungeschicklichkeiten verärgern, so dass das Gesamterlebnis trotz Wortgewandheit und -witz unbefriedigend bleibt.

Februar 13th, 2012 by kritiker

 

http://www.sowasvonda.com

Unterhaltungsprosa von Tino Hanekamp (Jg. ´79). Schwer gehypter Debütroman über einen Clubbesitzer, angelehnt an die Biografie des Autors. Es gibt schlechtere noch nichtssagendere Popliteratur, aber man muss Hanekamp zugute halten, dass ab und zu Edelmetall durchschimmert. Gold nicht, aber Ansätze zu Erkenntnissen. Wenn auch mit spießigen Hohlheiten gespickt, liest sich das Buch insgesamt süffig, das Ende ist eine kalkulierte Unverschämtheit. Kann man machen.